Berufs­entwicklung beginnt mit der ­Ausbildung

Interview mit Physio Austria-Präsidentin, Studiengangs­leiterin Physio­therapie und Depart­ment­leiterin Gesund­heit an der FH Campus Wien, Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed.

inform: Frau Mériaux-Kratochvila, der Berufsverband der PhysiotherapeutInnen Österreichs feiert heuer sein 50-jähriges Bestehen. – Wo steht die Physiotherapie im Jahr 2011 in Österreich?

Mériaux-Kratochvila:
In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Physiotherapie zu einer unverzichtbaren, qualitativ hochstehenden Dienstleistung im Gesundheitswesen entwickelt. Sie hat sich als kompetenter, eigenständiger Versorgungs- und Betreuungsbereich des Gesundheitssystems etabliert, orientiert sich an Evidenz und leistet ihren Beitrag zu Wissenschaft und Forschung.

Was den Bundesverband Physio Austria betrifft, haben wir uns als angesehener und kompetenter Partner auf politischer Ebene etabliert. Wir sind zuverlässig und seriös, vertreten mit Nachdruck die Interessen der PhysiotherapeutInnen, legen dabei aber auch immer größten Wert darauf, korrekt und partnerschaftlich zu agieren. Das hat uns hohe Reputation auf vielen Ebenen eingebracht.

inform: Eine rundum positive Bilanz. – Die PhysiotherapeutInnen Österreichs haben ihr Ziel erreicht?

Mériaux-Kratochvila:
In einem sich laufend weiter entwickelnden System wie dem Gesundheitswesen müssen auch die Ziele laufend neu gesteckt werden. Aber die Physiotherapie ist insgesamt auf einem guten Weg. Die Umstrukturierung der Ausbildung von Akademien auf Fachhochschulen war ein wesentlicher Schritt zur Professionalisierung des Berufes. Es ist gelungen, in Österreich den Master-Level für PhysiotherapeutInnen zu etablieren, auch wenn er bislang noch privat finanziert werden muss.

Das Physio Austria-Kurszentrum ist das Forum für Weiter­bildung in der Physiotherapie und verfügt über die größte fachspezifische Bibliothek in Österreich.

Die Mitgliederanzahl steigt kontinuierlich und hat mit rund 75 Prozent aller Berufsangehörigen ein für freiwillige Berufsverbände rekordverdächtiges Niveau erreicht.

inform: Wenn man über die Entwicklung der Physiotherapie spricht, landet man immer sehr schnell beim Thema „Ausbildung“ …

Mériaux-Kratochvila:
Berufsentwicklung beginnt mit der Ausbildung. Der Beruf PhysiotherapeutIn steht für Entwicklung, Qualität, ganzheitliche PatientInnen-Orientierung – und das vom ersten Tag der Ausbildung an. Das ist auch der Grund, warum die Studierenden eine Stimme im Berufsverband Physio Austria haben. Es ist unsere Aufgabe, mit der Physiotherapie-Ausbildung sicherzustellen, dass die künftigen KollegInnen einen guten Start ins Berufsleben und Freude an der Weiterentwicklung und -bildung haben. Sie sollen befähigt sein, als PhysiotherapeutInnen ihre Leistungen fundiert und kompetent zu erbringen und auch darzustellen.

inform: Bleiben wir beim Thema Bildung: Den PhD für PhysiotherapeutInnen gibt es in Österreich – im Vergleich zu vielen anderen Ländern – noch nicht …

Mériaux-Kratochvila: Das muss unser nächstes Ziel sein: Die Durchgängigkeit der Ausbildung vom Bachelor bis zum Doktorats­studium und damit die Verankerung der Physiotherapie als etablierte Wissenschaft.

inform: Ein realistisches Ziel?

Mériaux-Kratochvila: Die Chancen stehen gut. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann dieses Ziel auch in Österreich erreicht sein wird.

inform: Apropos Zeit: Sie selbst sind seit 15 Jahren im Präsidium von Physio Austria, 12 Jahre davon als Präsidentin. Haben Sie die Entwicklungen im Gesundheitswesen und speziell in der Physiotherapie während dieser Zeit überrascht?

Mériaux-Kratochvila:
Meine Vorgängerin als Prasidentin, Elfriede Visek, hat mich von Anfang an ins internationale Geschehen der Physiotherapie – vor allem im Rahmen des ER-WCPT – eingebunden. Auf dieser Ebene bekommt man frühzeitig viele Entwicklungen mit, die einen dann nicht mehr überraschen, wenn sie zeitversetzt auch hierzulande stattfinden. Zu sehen, wie und wohin sich die Physiotherapie in anderen Ländern entwickelt, verschafft uns auch den Weitblick, um vorausschauend agieren zu können und so positive Entwicklungen zu pushen, negativen aber auch zeitgerecht gegenzusteuern.

inform: Zum Beispiel?

Mériaux-Kratochvila: Zurzeit vollzieht sich in unserem Gesundheitssystem ein markanter Wechsel von der Empirie zur Evidenz. Das betrifft nicht nur die Physiotherapie. Überraschend ist diese Entwicklung für uns nicht. Im Rahmen des WCPT haben wir uns mit dem Thema „Evidenz“ schon auseinandergesetzt, als manche im österreichischen Gesundheitssystem mit dem Begriff„Evidenz“ noch wenig verbunden haben. Physio Austria hat sich schon seit Langem darauf eingestellt: PhysiotherapeutInnen arbeiten an der Entwicklung von Leitlinien mit, Mitgliedern wird ein kostenloser Zugang zu wissenschaftlichen Datenbanken ermöglicht, usw.

Oder: Demografische Veränderungen, medizinischer Fortschritt und die stärkere Förderung von Prävention werden in den kommenden Jahren wesentlich das Gesundheitswesen beeinflussen. Auch da schauen wir, wo die Physiotherapie in anderen Ländern steht, und da gibt es neue Versorgungsstrukturen, über die wir nachdenken.

inform: Ein seit Jahren virulentes Thema ist auch die Registrierung von Angehörigen der Gesundheitsberufe …

Mériaux-Kratochvila: Das ist eines unserer vorrangigen Ziele. Unsere Position dazu ist klar: Wir wollen, dass die Registrierung und damit die Überprüfung der Berufsberechtigungen durch die Berufsverbände im Rahmen von MTD-Austria erfolgt. Unser Ziel muss sein, eine Berufsvertretung für alle PhysiotherapeutInnen sicherzustellen und ein Auseinanderdriften von angestellten und freiberuflichen KollegInnen zu verhindern.

inform: Noch eine persönliche Frage: Was ist die Motivation, sich so viele Jahre – ehrenamtlich – an vorderster Front für eine Berufsgruppe zu engagieren?

Mériaux-Kratochvila: Ich finde, Physiotherapie ist ein toller Beruf und daher liegt mir auch seine Entwicklung am Herzen. Und ich habe Freude, an Zielen zu arbeiten und diese möglichst auch zu erreichen. Ich bin neugierig und an Lösungen interessiert. Auf dem Weg zu den Zielen muss oft viel Überzeugungsarbeit bei Betroffenen und EntscheidungsträgerInnen geleistet werden. Es ist manchmal schon maximal herausfordernd und auch anstrengend, sich in konfliktträchtigen Situationen zu bewegen, in denen es darum geht, dass VerhandlungspartnerInnen versuchen Ziele zu erreichen, die mitunter den Zielen der PhysiotherapeutInnen deutlich entgegengesetzt sind.

Diese Herausforderungen und meine Überzeugung, mich für eine gute Sache einzusetzen, sind es auch, die mich motivieren, meine ehrenamtliche Tätigkeit für Physio Austria zu erfüllen. Darüber hinaus ist es auch sehr freudvoll, im Rahmen dieser vielfältigen Tätigkeit auf viele interessante Menschen zu treffen.

Interview: Otto Havelka

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