Im Orthopädischen Spital Speising wird aufgrund dieser Faktoren seit 2001 eine psychologische Betreuung bei der Behandlung von Jugendlichen und Kindern mit Skoliose standardmäßig angeboten. In der Pubertät, die durch vielfältige Veränderungen auf körperlicher, kognitiver und emotionaler Ebene gekennzeichnet ist, stellen Autonomiebestrebungen und Rebellion eine wichtige Entwicklungsaufgabe dar. Es ist daher nachzuvollziehen, dass die Tatsache, ein Korsett über mehrere Jahre tragen zu müssen, oft Schock und sehr große Verunsicherung bei den Jugendlichen und deren Angehörigen auslöst.
Durch die Korsettbehandlung entsteht wieder eine größere Abhängigkeit von den Eltern, die die altersgemäßen Autonomiebestrebungen unter Umständen erschweren. Sich gegenüber der Therapie hilflos und ausgeliefert zu fühlen, kann die Behandlungsmotivation deutlich reduzieren und zu vermehrten Konflikten zwischen Jugendlichen und deren Eltern führen.
Neben diesem familiären Kontext spielt der soziale eine immer wichtigere Rolle für die Jugendlichen. Der Vergleich mit Gleichaltrigen, aber genauso die körperlichen Veränderungen und damit verbundenen Unsicherheiten, Schönheitsideale und Mode stellen eine große Herausforderung für die Betroffenen im Umgang mit dem Korsett dar. Die Jugendlichen fühlen sich dick und unförmig mit dem Korsett und befürchten aufzufallen. Das Gefühl des Andersseins kann Scham erzeugen, die Jugendliche dazu veranlasst, das Korsett zu verstecken. Sie unternehmen oft enorme Anstrengungen nicht entdeckt zu werden. Es entsteht somit eine Spirale aus Angst und Anspannung. Diese Jugendlichen ziehen sich vermehrt zurück und neigen häufiger zu depressiven Verstimmungen.
Zusätzlich führen die körperlichen Veränderungen zu einer notwendigen Neustrukturierung des Selbstbildes und Neubewertung des Selbstkonzepts.
Die psychologische Betreuung soll einen Raum schaffen, die oben erwähnten Punkte zu thematisieren und so die Compliance der Jugendlichen, sich für eine Korsettbehandlung zu entscheiden, erhöhen. Dazu werden Motivationshilfen erarbeitet, es wird gelernt das eigene Selbst(wertgefühl) und eigene Ressourcen zu stärken, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und psychischen Belastungen vorzubeugen, um nur einige mögliche Themen zu nennen.
Manchmal können auch krankheitsirrelevante Themen die Compliance beeinträchtigen, wie zum Beispiel vorbestehende familiäre Konflikte, Schulprobleme und Mobbing. Zum Betreuungsangebot gehören auch unterstützende/entlastende Gespräche mit den Eltern, Operationsvorbereitungen und Hilfe bei der Vorbereitung von Infostunden für Schulklassen.
Die Erfahrungen im Rahmen der psychologischen Betreuung in Speising zeigen, dass ein offener und selbstverständlicher Umgang mit dem Thema Skoliose und Korsett innerhalb der Familie, im Klassenverband oder in anderen sozialen Gruppierungen (etwa Hort, Sportverein, …) eine Erleichterung im Leben mit dieser Erkrankung schafft. Sehr hilfreich und motivierend wird dabei der Austausch mit Gleichbetroffenen, die Teilnahme an Schrothgruppen oder der Aufenthalt in einer Schroththerapieklinik empfunden (siehe auch Interview "Christa Lehnert-Schroth").
Ziel der psychologischen Betreuung ist es, die Jugendlichen in einer aktiven Auseinandersetzung mit Körper und Krankheit zu unterstützen und so die medizinische Behandlung gestärkt zu bewältigen.
Mag. Natascha Walik,
Mag. Sabine Kolz
Aktive Auseinandersetzung mit dem Körper





